Chronisch veränderte Atemmuster können körperliche und psychische Beschwerden begünstigen. Atmung ist deshalb weit mehr als ein Vorgang, der einfach nebenbei geschieht.
Du atmest. Jeden Tag, jede Minute, meist ohne einen Gedanken daran zu verlieren. Dein Körper übernimmt diese Aufgabe für dich – ganz selbstverständlich. Genau deshalb denken wir so selten darüber nach, wie wir atmen.
Unsere Atmung hat eine Besonderheit: Sie läuft automatisch – und gleichzeitig können wir sie bewusst beeinflussen.
Genau hier beginnt Atemarbeit interessant zu werden.
Warum unsere natürliche Atmung aus dem Rhythmus gerät
Stress, langes Sitzen, wenig Bewegung, ständige Reize, Zeitdruck und innere Anspannung beeinflussen, wie wir atmen. Wir ziehen den Bauch ein, halten unbewusst die Luft an oder atmen überwiegend in den oberen Brustraum.
Eine flache oder schnelle Atmung ist eine sinnvolle Reaktion auf Aktivität, Risiko oder Gefahr. Bleibt diese Art zu atmen jedoch bestehen, obwohl die Belastung längst vorbei ist, kann sie selbst Teil eines Kreislaufs aus körperlicher und psychischer Anspannung werden.
Bestehende Stress- und Angstreaktionen können dadurch verstärkt und neue Stress- oder Angstsymptome hervorgerufen werden.
Anspannung und Entspannung – ein Rhythmus, den wir brauchen
Anspannung und Entspannung begegnen uns überall. In der Natur finden wir Aktivität und Ruhe, Wachstum und Rückzug, Tag und Nacht. Auch unser Körper ist für diesen Wechsel gemacht.
Wer sich zwischen Anspannung und Entspannung bewegen kann, bewegt auch seine Atmung. Sie wird schneller, wenn wir aktiv sind, und ruhiger, wenn wir entspannen. Genau diese Beweglichkeit gehört zu einem lebendigen Organismus.
Das Ziel ist nicht, ständig entspannt zu sein. Anspannung gehört zu unserem Leben. Sie lässt uns reagieren, handeln und aufmerksam sein. Entscheidend ist, dass unser Organismus nach einer Aktivierung wieder zurückfinden kann.
Schwieriger wird es, wenn aus diesem natürlichen Wechsel ein dauerhafter Zustand von Anspannung entsteht – und wir ihn irgendwann kaum noch bemerken. Der Körper bleibt in Bereitschaft, obwohl der Moment längst keine Bereitschaft mehr verlangt.
Was Nervensystem, Vagus und Cortisol damit zu tun haben
Für unser Nervensystem bedeutet dauerhafte Belastung, dass die Stressreaktion über längere Zeit oder immer wieder aktiviert wird. Der sympathische Anteil unseres autonomen Nervensystems bekommt mehr Raum, während Prozesse, die Erholung und Regeneration unterstützen, weniger zum Tragen kommen.
Hier spielt auch der Vagusnerv eine Rolle. Er ist ein wichtiger Bestandteil des parasympathischen Nervensystems und an vielen Regulationsprozessen beteiligt. Unsere Atmung steht mit diesen Prozessen in Verbindung.
Cortisol gehört ebenfalls zu unserem Stresssystem und ist nicht grundsätzlich schlecht. Wir brauchen es. Am Morgen steigt unser Cortisolspiegel natürlicherweise an und unterstützt uns dabei, wach und aktiv zu werden. Belastend wird es, wenn Stresssysteme dauerhaft aktiviert bleiben und der Körper nur schwer in die Erholung zurückfindet.
Es geht wieder um den Rhythmus: Aktivierung und Erholung, Anspannung und Entspannung.
Und unsere Atmung ist mittendrin.
Warum Atemarbeit Veränderung ermöglichen kann
Ein paar Atemzüge lösen nicht alle Probleme. Atemarbeit ersetzt weder die Auseinandersetzung mit unseren Lebensumständen noch mit Gedanken, Mustern und Erfahrungen. Aber sie kann etwas zurückbringen, das unter dauerhafter Anspannung immer enger geworden ist: innere Weite, Wachheit und Lebendigkeit – und sie kann unsere körperliche und psychische Gesundheit unterstützen.
Denn Veränderung müssen wir nicht nur verstehen. Wir können beginnen, sie körperlich zu erfahren.
Und wenn du diesen Artikel zu Ende gelesen hast, nimm dir einen Moment und beobachte:
Wie atme ich gerade?
Nicht verändern. Nicht bewerten. Erst einmal wahrnehmen.
Denn der Weg zurück zu mehr Beweglichkeit, Weite und Lebendigkeit kann mit etwas beginnen, das dich durch jeden Augenblick deines Lebens begleitet:
mit deinem nächsten Atemzug.