Ist es wirklich die Angst davor, uns selbst zu begegnen oder mit uns allein zu sein? Oder ist es vielmehr die Angst vor einer Wahrheit, die wir längst in uns kennen – und zu wenig Vertrauen, um dieser Wahrheit zu glauben?
Mit sich selbst verbunden zu sein bedeutet auch, die eigene Wahrheit wahrzunehmen, noch bevor wir wissen, was wir mit ihr anfangen sollen.
Tief in uns spüren wir, wenn wir nicht immer auf unserem eigenen Weg gegangen sind. Wir haben uns angepasst, um im Außen zu genügen und zu gefallen. Zu oft den Meinungen anderer mehr vertraut als der eigenen Wahrnehmung. Uns hat der Mut verlassen und manches, wonach wir uns sehnten, haben wir immer wieder auf später verschoben.
Vieles davon wird erst hörbar, wenn wir beginnen, uns wirklich selbst zuzuhören.
Wir begegnen uns jeden Tag – und trotzdem oft nicht wirklich
Wir schauen jeden Tag in den Spiegel. Wir hören uns sprechen. Wir kennen viele unserer Gedanken. Und trotzdem bedeutet all das noch lange nicht, dass wir uns selbst wirklich begegnen.
Denn vieles geschieht unbewusst.
Wir hinterfragen kaum, welche Sätze wir täglich über uns denken und aussprechen. Wie schnell wir unser Spiegelbild bewerten. Welche Überzeugungen wir längst für selbstverständlich halten. Und warum kommen wir überhaupt so selten darauf, uns wirklich zuzuhören und bewusst anzuschauen?
Wir haben es schlicht kaum gelernt.
Stattdessen haben wir gelernt, im Außen zu funktionieren, uns anzupassen, Erwartungen zu erfüllen, zu reagieren und weiterzumachen. So kann es vollkommen selbstverständlich werden, einer inneren Stimme zu folgen, die uns schon viele Jahre begleitet.
Der innere Richter spricht – und wir glauben ihm
Dieser innere Richter ist nicht erst gestern entstanden.
Viele seiner Sätze begleiten uns seit unserer Kindheit. Durch Erfahrungen, Wiederholungen, Bewertungen, Erwartungen und das, was uns andere Menschen über uns und das Leben vermittelt haben.
Ich kann das nicht.
Andere können das besser.
Ich bin nicht gut genug.
Man kann nicht alles haben.
Bei mir geht sowieso immer alles schief.
Je häufiger wir solche Sätze denken, desto vertrauter werden sie. Irgendwann hören wir kaum noch, dass es überhaupt Sätze sind. Sie wirken wie Tatsachen.
Doch eine innere Stimme ist nicht automatisch unsere Wahrheit.
Sie wird zu unserer Wahrheit, wenn wir ihr glauben.
Und genau hier beginnt etwas Entscheidendes: Die Worte, die wir in uns tragen, beeinflussen auch, wie wir unseren Alltag wahrnehmen, welche Entscheidungen wir treffen, was wir uns zutrauen und was wir von unserem Leben erwarten.
Wer sich immer wieder erzählt: „Man kann nicht alles haben“, wird das eigene Leben anders betrachten als ein Mensch, der sich fragt: „Warum sollte ich nicht viel von meinem Leben erwarten dürfen?“
Der Satz verändert noch nicht automatisch das Leben. Aber er verändert den Raum dessen, was wir überhaupt für möglich halten.
Warum gehen wir dieser Begegnung aus dem Weg?
Nicht immer, weil wir bewusst Angst davor haben.
Oft wissen wir gar nicht, dass wir uns selbst ausweichen.
Wir beschäftigen uns mit unserem Alltag, anderen Menschen, Aufgaben, Nachrichten, Social Media, Arbeit und all den Dingen, die unsere Aufmerksamkeit fordern. Gleichzeitig laufen unsere vertrauten Gedanken und Muster im Hintergrund weiter.
Und möglicherweise ist da längst etwas in uns, das wir wahrnehmen:
Ich möchte anders leben.
Das passt nicht mehr zu mir.
Ich möchte etwas verändern.
Ich sehne mich nach etwas anderem.
Genau dort kann Selbstbegegnung unbequem werden.
Denn wenn ich mir wirklich zuhöre, könnte ich etwas erkennen, das Konsequenzen für mein Leben hätte.
Was würde es bedeuten, meiner eigenen Wahrnehmung tatsächlich zu vertrauen?
Müsste ich eine Entscheidung treffen? Eine Grenze setzen? Etwas loslassen? Einen Wunsch ernst nehmen? Einen Weg beginnen, von dem ich noch gar nicht weiß, wohin er führt?
Dann ist ein Satz wie „Es ist eben, wie es ist“ manchmal leichter.
Oder: „Das kann ich jetzt nicht verändern.“
Nicht unbedingt, weil diese Aussagen wahr sind, sondern weil das Vertraute zunächst einfacher erscheint als die Veränderung, die aus unserer eigenen Wahrheit entstehen könnte.
Selbstbegegnung beginnt mit Ehrlichkeit
Sich selbst zu begegnen bedeutet deshalb für mich nicht, stundenlang über sich nachzudenken oder ständig nach einem neuen Problem in sich zu suchen.
Es bedeutet, wahrzunehmen.
Was denke ich eigentlich über mich?
Welche Sätze wiederhole ich seit Jahren?
Was erzähle ich mir über mein Leben?
Was wünsche ich mir wirklich?
Wo passe ich mich an?
Wo halte ich mich selbst zurück?
Und was weiß ich längst, obwohl ich es immer wieder beiseiteschiebe?
Manchmal können wir diese Fragen schriftlich beantworten. Journaling kann etwas sichtbar machen, das in unseren Gedanken immer wieder verschwindet.
Doch es gibt noch eine andere Form der Selbstbegegnung, die erstaunlich direkt sein kann:
uns selbst zuzuhören.
Ein kleines Experiment: Hör dir selbst zu
Nimm dein Smartphone und öffne die Sprachaufnahme.
Dann sprich.
Ohne Vorbereitung. Ohne schöne Formulierungen. Ohne dir vorher zu überlegen, wie deine Antwort klingen sollte.
Erzähle, warum es dir gerade so geht, wie es dir geht. Was in deinem Leben schwierig ist. Warum bestimmte Dinge bei anderen scheinbar leichter funktionieren. Was dich ärgert. Was du gerne verändern würdest und warum es deiner Meinung nach gerade nicht geht.
Lass dabei auch deine Opferhaltung sprechen, wenn sie da ist.
Nicht, um sie zu verurteilen.
Sondern um sie zum ersten Mal wirklich zu hören.
Danach hörst du dir deine eigene Aufnahme an.
Nicht nebenbei.
Hör dir selbst zu.
Vielleicht bemerkst du plötzlich einen Satz, den du ständig verwendest. Vielleicht hörst du eine Härte dir selbst gegenüber, die dir vorher nie aufgefallen ist. Vielleicht denkst du: Was erzähle ich mir da eigentlich jeden Tag?
Vielleicht hörst du deine Worte und bist weiterhin überzeugt: Ja. Genau so empfinde ich es.
Und vielleicht entsteht einfach Stille.
Auch Stille ist eine Wahrnehmung.
Es geht bei dieser Übung nicht darum, sofort eine bessere Geschichte über dich zu erzählen. Es geht zunächst darum, die bisherige überhaupt einmal bewusst zu hören.
Vielleicht beginnt genau dort Veränderung
Wir müssen nicht sofort wissen, wie unser Leben anders aussehen soll.
Aber wir können beginnen zu erkennen, welche Stimmen bisher darüber entschieden haben.
Welche Sätze gehören zu alten Prägungen? Welche Überzeugungen haben wir übernommen? Wo spricht unser innerer Richter? Und wo hören wir darunter langsam etwas, das tatsächlich zu uns gehört?
Selbstbegegnung bedeutet nicht, sofort alles verändern zu müssen.
Sie bedeutet zunächst, ehrlich genug hinzusehen und hinzuhören.
Denn solange wir unsere eigenen Worte, Muster und Überzeugungen nicht wahrnehmen, können sie unser Leben führen, ohne dass wir es bemerken.
In dem Moment, in dem wir beginnen, sie zu erkennen, entsteht etwas Neues:
die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, welchen Worten wir weiterhin glauben und wie wir unser Leben gestalten möchten.